20. November 2018 Geschlechtergerechte Strukturen in den Meereswissenschaften

Foto EU-Projekt „Baltic Gender“, Ines Weber & Jürgen Haacks, Uni Kiel

Das EU-Projekt „Baltic Gender“ stellt 13 exzellente Gleichstellungsmaßnahmen an wissenschaftlichen Einrichtungen aus fünf Ostsee-Anrainerstaaten vor.

Welche Kriterien müssen Gleichstellungsmaßnahmen erfüllen, damit diese einen nachhaltigen Einfluss auf die Strukturen einer Institution haben und zum Beispiel Frauen den Zugang zu Führungspositionen erleichtern können? Forscherinnen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben Antworten auf diese Frage gefunden und im Best-Practice-Katalog „Gender equality in marine sciences. Best practices on structural change" veröffentlicht. 

 

Der Katalog entstand im Rahmen des am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordinierten und durch die EU geförderten Projektes „Baltic Gender", an dem sich acht Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit meereswissenschaftlichem Schwerpunkt beteiligen.

Frauen in den Meereswissenschaften noch immer unterrepräsentiert
„Die Meereswissenschaften sind zwar in den vergangenen Jahren deutlich geschlechtergerechter geworden. Immer mehr Frauen studieren meereswissenschaftliche Fächer und erforschen in ihrer Promotion oder in Postdoc-Projekten die Weltmeere", sagt Dr. Iris Werner, Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der CAU und Leiterin des an der CAU angesiedelten Teilprojektes „Structural Changes". Dennoch sei das Verhältnis zwischen Frauen und Männern keineswegs ausgeglichen: „Nach wie vor gibt es im Karriereverlauf einen steigenden Männeranteil zu Lasten von Frauen. Gerade in Führungspositionen, bei Professuren, aber auch in der Leitung von Forschungsfahrten oder technischen Abteilungen sind Frauen weiterhin deutlich in der Unterzahl", erklärt Werner, die selbst viele Jahre aktiv als Meeresbiologin geforscht hat und an zahlreichen Forschungsexpeditionen in der Arktis beteiligt war.

Teilprojekt „Structural Changes" identifiziert sechs Qualitätskriterien für gut funktionierende Gleichstellungsstrukturen
Das Teilprojekt „Structural Changes" untersucht daher, wie etwa Entscheidungsverfahren oder das Personalwesen einer Institution ausgestaltet sein müssen, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen. „Mithilfe von Fragebögen und Gruppeninterviews haben wir die Strukturen unserer acht Partnerinstitutionen untersucht und dabei sechs Qualitätskriterien entwickelt, von denen mindestens vier erfüllt sein müssen, damit wir von gut funktionierenden Gleichstellungsmaßnahmen sprechen können", sagt Werner. So müsse das Ziel einer Maßnahme klar definiert und eine nachhaltige Finanzierung der Maßnahme gewährleistet sein. Zudem müsse sie an der Institution bekannt sein, begleitend evaluiert werden, über die bestehenden rechtlichen Anforderungen hinausgehen und nicht zuletzt einen klaren Bezug zu den Meereswissenschaften aufweisen. Insgesamt 13 Gleichstellungsmaßnahmen konnte das Projektteam auszeichnen und in den Best-Practice-Katalog „Gender equality in marine sciences. Best practices on structural change" aufnehmen.

„In vielen Sammlungen von Best Practice-Beispielen werden Maßnahmen ausschließlich danach ausgewählt, wie gut sie sich in der Praxis bewährt haben", sagt Dr. Ines Weber, die zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Ruth Kamm die Untersuchungen konzipiert und durchgeführt hat. Im Teilprojekt wurden hingehen in einem ersten Schritt die Kriterien entwickelt und erst dann wurden diese der Auswahl der Gleichstellungsmaßnahmen an den „Baltic Gender"-Partnerinstitutionen zugrunde gelegt. „Natürlich hat die Praxistauglichkeit eine wichtige Rolle gespielt, sie war jedoch nicht allein entscheidend für die Aufnahme in unseren Katalog", hebt die Politikwissenschaftlerin hervor.

Erfolgreiche Kieler Projekte: via:mento_ocean und das Women's Executive Board
Zu den im Best-Practice-Katalog ausgezeichneten Maßnahmen gehört das Mentoring-Programm via:mento_ocean, das im Exzellenzcluster „Future Ocean" entwickelt wurde. Seit 2012 können promovierte Meereswissenschaftlerinnen aus Kiel, die ihre Karriereziele in der Wissenschaft schärfen und ihre Karriereentwicklung systematisch planen wollen, am Programm teilnehmen. Dafür stehen jeder Programmteilnehmerin neben dem individuellen Austausch mit erfahrenen Mentorinnen und Mentoren auch Workshops zu Themen wie Karriereplanung oder Kommunikation offen. Bisher haben mehr als 40 Forscherinnen das Programm für ihre Karriereentwicklung genutzt.

„via:mento_ocean wurde entwickelt, weil die hohe Nachfrage nach Mentoring in den Meereswissenschaften durch das CAU-weite Mentoring-Programm via:mento nicht vollständig gedeckt werden kann", erklärt Projektkoordinatorin Dr. Marta Chiarinotti. via:mento_ocean sei daher nicht nur inhaltlich passgenau auf die meereswissenschaftlichen Forschungsbedingungen zugeschnitten, sondern gehe vor allem auf die Bedürfnisse der mehrheitlich internationalen Forscherinnen ein: „Unsere Veranstaltungen finden zum Beispiel ausschließlich auf Englisch statt", sagt Chiarinotti.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Women's Executive Board (WEB) am GEOMAR. Bereits 2013 von am GEOMAR festangestellten Frauen mit Personalverantwortung gegründet, hat es sich zum Ziel gesetzt, über verschiedene Maßnahmen die gleichberechtigte Repräsentation von Frauen in den Meereswissenschaften zu fördern. Das WEB ist mittlerweile fester struktureller Bestandteil des GEOMAR: „Unsere Mitglieder sind in verschiedenen GEOMAR-internen Gremien vertreten und können darüber als Sprachrohr für Meereswissenschaftlerinnen insgesamt fungieren", erläutert Professorin Anja Engel, Vorsitzende des WEB. Dies gelte insbesondere für jüngere Wissenschaftlerinnen in meist noch befristeten Positionen.

Aushängeschild des WEB ist die Marie Tharp Lecture Series. In dieser Vorlesungsreihe werden pro Jahr fünf renommierte Meereswissenschaftlerinnen eingeladen, die nicht nur über ihre aktuelle Forschung berichten, sondern auch ihre persönlichen Karriereerfahrungen an Nachwuchswissenschaftlerinnen weitergeben.

Inspiration über die Meereswissenschaften hinaus
Auch wenn der Fokus des „Baltic Gender"-Projektes auf der Untersuchung von meereswissenschaftlichen Institutionen liegt, so kann der Best-Practice-Katalog als Vorlage sowohl für andere Fachdisziplinen als auch für Einrichtungen jenseits der Wissenschaft dienen. „Wir hoffen, dass die ausgewählten Maßnahmen eine Inspiration für kreative und zielgerichtete Gleichstellungsaktivitäten auch außerhalb der an ‚Baltic Gender' beteiligten Institution darstellen", fasst Projektmitarbeiterin Kamm eines der zentralen Anliegen der Broschüre zusammen.

 Wei­te­re Infos
Best-Practice-Katalog „Gender equality in marine sciences. Best practices on structural change" (PDF)
Webauftritt Projekt „Baltic Gender"
via:mento_ocean
Women's Executive Board (WEB)